Was hat der Wirtschaftsnobelpreis 2023 mit Unpaid Care Work zu tun?

Als Claudia Goldin am 9.10.2023 als Gewinnerin des Wirtschaftsnobelpreises bekannt wurde, war das ein Paukenschlag. Sie bekam ihn für ihre Forschung zu den Ursachen und Folgen der systematischen Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Damit ist wissenschaftlich festgestellt, dass es diese gibt.

Eine wesentliche Ursache liegt laut Goldin darin, „dass die Wahlmöglichkeiten von Frauen häufig durch Ehe und Verantwortung für Haushalt und Familie eingeschränkt waren und sind“.

Sie hat damit bewiesen, dass der Markt die Entlohnung nicht nur nach Leistung und Produktivität entlohnt.

Hier sind wir bei der Initiative Unpaid Care Work angekommen. Denn die unbezahlte Sorgearbeit (die aktuell noch vorwiegend von Frauen geleistet wird) ist der Grund für diese Schieflage. Die Beispiele, die wir von Männern haben, zeigen aber auch, dass sie zwar zunächst nicht mit Vorurteilen bewertet und betrachtet werden, sobald sie sich aber zu ihrer Sorgearbeit bekennen und ihre Erwerbsarbeit dafür einschränken, auch sie die Nachteile des Systems zu spüren bekommen.

Seit der Gründung unserer Initiative Unpaid Care Work bekommen wir sehr viel positive Rückmeldung, Erleichterung und Stolz zu spüren. Heute schrieb ein Vater über den Struggle einen Kitaplatz zu bekommen und sagte, wir seien das Zünglein an der Waage gewesen, dass er sich entschieden hat, seine unbezahlte Sorgearbeit sichtbar zu machen. Wie schön ist das?

Dennoch kommen auch kritische Stimmen, die ihre Sorgen zum Ausdruck bringen, dass Arbeit, die aus Liebe entsteht, nun mit Geld aufgewogen werden soll. Es besteht die Sorge, dass das zu überzogenen Forderungen führt.
Auch dafür sind wir dankbar und froh, denn das gehört zum Diskurs. Nur wenn wir diese Stimmen hören und ernst nehmen, werden wir ein Miteinander finden.

„Für die Gesellschaft ist es wichtig, die Rolle der Frau auf dem Arbeitsmarkt zu verstehen“, sagte Jakob Svensson, Vorsitzender des Komitees für den Preis für Wirtschaftswissenschaften. „Dank der bahnbrechenden Forschung von Claudia Goldin wissen wir jetzt viel mehr über die zugrunde liegenden Faktoren und darüber, welche Hindernisse in Zukunft möglicherweise angegangen werden müssen.“

Was hat also die Wirtschaft davon, wenn sie unbezahlte Sorgearbeit anerkennt?

Der deutschen Wirtschaft entgehen Jahr für Jahr 22,7 Milliarden Euro weil nicht alle Eltern so viel arbeiten können, wie sie möchten.

Um die Produktivität zu steigern höre ich die Rufe nach Fachkräften, den Widerstand gegen eine 4-Tage-Woche oder andere flexible Modelle, wir diskutieren auf höchster politischer Ebene, dass das Recht auf Teilzeit ein Fehler ist etc.

Die Wirtschaft hat Angst um ihre Produktivität und ihr Wachstum und daher wollen viele keine Minderung der Arbeitszeit oder weitere Flexibilität. Die Anzahl der Firmen, die ihre Mitarbeitenden wieder aus dem Homeoffice zurück ins Büro holen, steigt und es gibt prominente Fälle wie z.B. der von SAP, wo die Auseinandersetzung mit dem Betriebsrat sogar vor Gericht endete.

Doch kann es sein, dass wir strukturelle Probleme privatisieren und den Menschen fehlende Leistungsbereitschaft vorwerfen?

Sind das wirklich die richtigen Hebel? Übersehen wir nicht etwas?

Vielerorts fehlen die Voraussetzung dafür, dass Eltern überhaupt so viel arbeiten können, wie sie möchten. In ihren Ohren sind die Diskussionen, die gerade geführt werden, als verlange man mit einer Eisenkugel am Bein einen Sprint zu laufen.

Das Problem ist nicht, dass die Menschen nicht erwerbsarbeiten wollen, sie können es nicht!

Weil sie Fürsorgearbeit leisten, die sie nicht abgeben können, auch wenn sie das gerne möchten.

Aus dem am 15. Mai veröffentlichten Familienbericht geht hervor, dass eine gute und verlässliche Kinderbetreuung für 50% der kinderlosen Paare eine wichtige Voraussetzung ist Kinder zu bekommen. 2005 erwähnten das nur 25%.

Im Vergleich zu 2012 verbringen Mütter heute mehr Zeit mit Erwerbsarbeit, aber gleichzeitig auch mehr Zeit mit Kinderbetreuung, da vor allem im Bereich U3 und im Ganztagsbetreuungsangebot in Grundschulen noch große Defizite bestehen.

Doch eine schlechte Vereinbarkeit ist nicht nur ein Thema von Müttern, sondern auch Väter wechseln den Arbeitgeber, wenn die Vereinbarkeit nicht stimmt. Jeder zweite Vater bringt diese Wechselbereitschaft mit.

Sowohl der Staat als auch die Unternehmen sollten auf diese Herausforderung reagieren und Eltern ermöglichen, möglichst nah an ihrem Wunschpensum im Erwerb zu stehen.

Welchen Beitrag können die Unternehmen leisten?

Lebensphasenorientierte Personalpolitik kann ermöglichen, dass Eltern in Zeiten intensiver Fürsorgearbeit gut begleitet und unterstützt werden durch:

👉🏼 Attraktive und flexible Teilzeitmodelle inklusive Führen in Teilzeit, z.B. über Jobsharing
👉🏼 flexible Arbeitszeiten
👉🏼 mobiles Arbeiten/Homeoffice
👉🏼 individuelle Coachingangebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie und zur Begleitung nach längeren Auszeiten wie z.B. Eltern- oder Pflegezeiten
👉🏼 Betriebs- oder Kooperationskitas

Doch laut einer Stepstone-Umfrage geben z.B. 50% der Mitarbeitenden an, dass sie nach der Rückkehr aus der Elternzeit keine Unterstützung vom Unternehmen erhalten haben.

Wie geht dir als Elternteil? Erwerbsarbeitest du so viel, wie du gerne möchtest und falls nicht, was würdest du dir von deinem Arbeitgeber wünschen?

Und andersherum, wie geht es dir als Arbeitgeber? Was wünscht du dir, damit deine Wirtschaftskraft erhalten bleibt und deine Wachstumschance realistisch bleiben?

 

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