Wie Männer Verbündete werden

Im Buchclub EqualPages durften wir einen intensiven und differenzierten Abend mit Vincent-Immanuel Herr verbringen. Anlass war sein Buch Wenn die letzte Frau den Raum verlässt, das sich mit der Frage beschäftigt, welche Rolle Männer auf dem Weg zu echter Gleichberechtigung spielen können und warum sie sie spielen müssen.
Im Zentrum stand das Thema Male Allyship. Also die Frage, wie Männer zu Verbündeten werden können, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, und warum es strukturelle Veränderungen braucht, statt wohlmeinender Einzelgesten.
Eine persönliche Motivation
Vincent begann mit einem sehr persönlichen Einblick.
Als Enkel einer der ersten Bauingenieurinnen Deutschlands, die allein aufgrund ihres Geschlechts Schlagzeilen wie „Einbruch in die Phalanx der Männer“ produzierte, wuchs er mit dem Bewusstsein auf, dass Gleichberechtigung keine Selbstverständlichkeit ist. Auch seine Mutter verfolgte eine wissenschaftliche Karriere, unterstützt von einem Vater, für den die Ambitionen seiner Frau nie eine Bedrohung darstellten, sondern etwas Selbstverständliches waren.
Diese familiären Erfahrungen öffneten früh den Raum für Fragen nach Feminismus und Gleichstellung. Gleichzeitig machte Vincent deutlich, dass auch er nicht von Anfang an alles richtig verstanden habe. Doch wer einmal beginnt, genau hinzusehen, kann das Gesehene nicht mehr ausblenden.
Und wer hinsieht, erkennt, dass Sexismus kein individuelles Fehlverhalten einzelner Männer ist, sondern ein strukturelles Problem, das auch strukturell bearbeitet werden muss.
Als deutscher Botschafter der UN-Women-Kampagne HeForShe steht Vincent öffentlich für genau diese Haltung ein.
Sexismus ist kein Einzelfall – er ist ein System
Ein zentrales Zitat aus dem Buch bringt diese Systematik eindrücklich auf den Punkt. Es fragt, was eine hochqualifizierte Frau im DAX-Vorstand, die als „Quotenfrau“ lächerlich gemacht wird, mit einer 17-Jährigen gemeinsam hat, die in der U-Bahn belästigt wird.
Beide werden primär aufgrund ihres Geschlechts angegriffen. Beide erleben eine Form der Abwertung, die als „normal“ verharmlost wird. Und beide müssen zusätzliche Energie aufbringen, um sich in Räumen zu bewegen, die für sie nicht selbstverständlich sicher sind.
Diese Parallele macht deutlich: Es geht nicht um spektakuläre Einzelfälle. Es geht um ein System, das Degradierung, Demütigung und Einschüchterung von Frauen in unterschiedlicher Intensität duldet.
Das bekannte Argument „Not all men“ greift hier zu kurz. Es mag zutreffen, dass nicht alle Männer Täter sind. Aber viele profitieren von einem System, das sie selten in die Pflicht nimmt.
Männer sind keine homogene Gruppe
Spannend war auch Vincents Einordnung der unterschiedlichen „Männertypen“, die er im Buch beschreibt. Er unterscheidet unter anderem zwischen Alphamännern, verunsicherten Männern, Statistikern, Sexisten, Antifeministen, Pseudofeministen, „Wölfen im Feministenpelz“, Privatmännern, Durchschnittsmännern und stillen Männern.
Diese Typologie zeigt, dass Männer keineswegs eine homogene Masse sind. Was sie jedoch häufig verbindet, sind erhebliche Erfahrungs- und Wissenslücken in Bezug auf Diskriminierung.
Vielen fehlt die eigene Erfahrung von struktureller Benachteiligung. Dadurch erkennen sie Sexismus oft nicht einmal dann, wenn er direkt neben ihnen stattfindet. Nicht aus bösem Willen, sondern aus Unwissenheit.
Statistisch betrachtet bewegt sich etwa ein Drittel der Männer im klar sexistischen oder antifeministischen Bereich. Zwei Drittel hingegen bezeichnen sich als offen. In dieser Gruppe liegt enormes Potenzial für Verbündete.
Warum so viele Männer dennoch keine Allies sind
Trotz grundsätzlicher Offenheit bleiben viele Männer passiv. Laut Vincent lassen sich dafür vier zentrale Gründe erkennen.
Erstens bestehen massive Wissens- und Erfahrungslücken. Viele Männer verstehen die Dynamiken von Macht und Diskriminierung nicht ausreichend. Diese Unkenntnis führt dazu, dass sie – meist unbewusst – Teil des Problems bleiben.
Zweitens haben viele Angst, andere Männer auf sexistisches Verhalten anzusprechen. Das Schweigen erscheint bequemer als der mögliche Konflikt. Dabei wären die sozialen Konsequenzen häufig geringer als befürchtet. Gerade Männer haben untereinander einen Zugang, den Frauen oft nicht haben. Dieses Privileg wird bislang zu selten genutzt.
Drittens fehlen positive Vorbilder. Kultureller Wandel braucht sichtbare Beispiele. In Schweden etwa ist eine längere Elternzeit für Väter längst Normalität geworden, weil strukturelle Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Erwartungshaltungen sich verändert haben.
Viertens bleibt Gleichstellung häufig auf das Private beschränkt. Viele Männer bekennen sich im persönlichen Gespräch zur Gleichberechtigung, greifen jedoch nicht ein, wenn es konkret wird.
Die fünf Säulen echter Verbündetenarbeit
Vincent formuliert fünf konkrete Ansatzpunkte für Male Allyship:
- Zuhören
- Andere Männer mit ins Boot holen
- Mehr Sorgearbeit übernehmen
- Platz machen – in Gesprächen, auf Bühnen, in Meetings oder auch ganz banal im öffentlichen Raum (Stichwort „gespreizte Beine“)
- Sich des eigenen Privilegs bewusst werden und es aktiv nutzen
Diese Punkte wirken zunächst einfach. Doch sie verlangen ein Umdenken im Alltag.
81 Prozent der Frauen erwarten laut Umfragen, dass ihrem Partner auch ihr beruflicher Weg wichtig ist und gemeinsam Lösungen gefunden werden. Viele Männer teilen diesen Wunsch nach einem guten Zusammenleben. Doch ohne ein Verständnis für strukturelle Ungleichheiten bleibt dieser Wunsch oft abstrakt.
Wenn persönliche Betroffenheit der Auslöser ist
In der Diskussion wurde deutlich, dass sich Männer häufig dann verändern, wenn sie eine persönliche Verbindung zum Problem bekommen. Wenn der eigenen Tochter, Schwester oder Partnerin etwas widerfährt, wird das Thema plötzlich greifbar.
Doch genau hier braucht es den entscheidenden Schritt weiter: die Erkenntnis, dass es sich nicht um tragische Einzelfälle handelt, sondern um systematische Muster.
Wir sprachen über den Fall von Gisèle Pelicot, bei dem in einem begrenzten sozialen Umfeld zahlreiche Männer bereit waren, eine bewusstlose Frau zu missbrauchen. Wir sprachen über den Fall Epstein, in dem ein Netzwerk einflussreicher Männer jahrelang wegsah oder sich gegenseitig schützte. Und wir sprachen über sexistische Kommentare bei den Olympischen Spielen, in denen sportliche Höchstleistungen von Frauen auf ihren Beziehungsstatus reduziert wurden.
Diese Beispiele zeigen: Es geht nicht um einzelne „böse Männer“. Es geht um Strukturen, die Wegsehen, Verharmlosen und Mitprofitieren begünstigen.
Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Der Abend mit Vincent hat eindrücklich gezeigt, wie viel Gesprächsbedarf, aber auch wie viel Lernbereitschaft vorhanden ist.
Gleichstellung ist keine Aufgabe von Frauen. Wenn Männer ihre Privilegien nicht nutzen, delegieren sie die Verantwortung an diejenigen, die ohnehin stärker betroffen sind.
Male Allyship bedeutet daher nicht, Retter zu sein. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, Räume gerechter zu gestalten und das eigene Verhalten immer wieder zu reflektieren.
Wenn wir weiterhin gut zusammenleben möchten, dann braucht es genau diese Gespräche. Offen, respektvoll und mit der Bereitschaft, voneinander zu lernen.
Der Abend im Buchclub EqualPages hat gezeigt, dass Veränderung möglich ist – wenn wir bereit sind, hinzusehen und gemeinsam zu handeln.
Aktuell schreiben Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer an ihrem zweiten Buch. Vincent und ich haben bereits eine lose Verabredung, dass wir auch das wieder gemeinsam besprechen. Denn der Wunsch danach, dieses Gespräch fortzusetzen war bei allen Teilnehmer*innen deutlich spürbar.
Wenn du dieses Buch kaufen möchtest, dann nutze gerne entweder den lokalen Buchhandel oder das faire „A“ Autorenwelt.
Komme gerne zu einer der nächsten Veranstaltungen im Buchclub EqualPages dazu. Alle Veranstaltungen sind online und kostenlos. Das Programm findest du auf meiner Website.
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