Wir alle kennen diese Momente: Wir hören Nachrichten, scrollen durch Kommentare im Netz, sitzen in einer Diskussion und plötzlich steht uns ein Satz, eine Haltung, eine Meinung gegenüber, die uns fassungslos macht.
„Wie kann man nur so etwas denken?“, „Was ist mit diesen Menschen los?“, „So ein Idiot.“
Ganz schnell geht innerlich der Rollladen runter. Ablehnung. Abgrenzung. Manchmal sogar offene Verachtung.
Und ja, oft ist das verständlich. Es gibt Haltungen, die sind menschenverachtend, diskriminierend, destruktiv. Niemand muss das gutheißen. Niemand muss das tolerieren. Es ist sogar wichtig, klar Position zu beziehen.
Aber: Was macht diese innere Abgrenzung eigentlich mit mir?
Und – das ist die Frage, die mich seit meinem Urlaub beschäftigt – bin ich dann wirklich besser als die Menschen, die ich ablehne?
Ein Dorfnazi als Nachbar
In meinem Urlaub habe ich Juli Zehs Roman Über Menschen gelesen. Eine Geschichte, die mir noch immer nachgeht. Darin zieht eine junge Frau von Berlin aufs Land. Gleich am Anfang stellt sich ihr Nachbar vor: „Ich bin der Dorfnazi.“
Ein Schockmoment.
Ich habe mich gefragt: Wie würde ich reagieren? Würde ich noch zuhören? Würde ich überhaupt noch offen sein, diesen Menschen näher kennenzulernen?
Mein erster Impuls: Natürlich nicht. Sofort Rollladen runter. Abstand. So einer ist nicht mein Gesprächspartner.
Und doch, die Protagonistin lebt Tür an Tür mit ihm. Er ist da, in ihrem Umfeld, nicht einfach wegzudenken.
Der Rollladen, der uns voneinander trennt
Ich habe beim Lesen gemerkt, wie schnell ich Menschen in Schubladen stecke und wie schwer es ist, sie dort wieder herauszuholen. „So einer“ bleibt „so einer“.
Aber was passiert, wenn wir uns damit begnügen, Menschen auf ihre erste, lauteste Seite zu reduzieren? Wenn wir nicht mehr sehen wollen, dass es hinter der Fassade vielleicht Brüche, Verletzungen, Geschichten gibt, die ihr Denken und Handeln geprägt haben?
Ich frage mich: Werden wir als Gesellschaft jemals Heilung finden, wenn wir uns nur gegenseitig verachten?
Das heißt nicht, dass wir alles akzeptieren müssen. Klare Grenzen sind notwendig. Aber zwischen Grenzen ziehen und Mauern hochziehen ist ein Unterschied.
Ein ehrlicher Zweifel
Ich habe keine einfachen Antworten gefunden.
Nur viele Fragen:
Was ist mein Beitrag dazu, dass Gräben tiefer werden oder überbrückbar bleiben?
Kann ich offen bleiben – gerade da, wo es weh tut?
Und was sagt es über mich aus, wenn ich mit derselben Härte urteile, die ich anderen vorwerfe?
Ich weiß: Mir gelingt das nicht immer. Wahrscheinlich oft nicht. Und doch spüre ich, dass es sich lohnt, es wenigstens zu versuchen.
Denn wir sind miteinander verbunden – ob wir wollen oder nicht. Ob wir uns sympathisch sind oder nicht. Wir teilen Gesellschaft, Nachbarschaft, Arbeitswelt, öffentliche Räume. Wir können uns nicht wirklich voneinander trennen.
Ein Versuch, offen zu bleiben
Vielleicht geht es darum, das Menschliche nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Auch wenn es schwerfällt.
Vielleicht geht es darum, die eigenen Zweifel zuzulassen, statt sich in die Sicherheit der Verachtung zu flüchten.
Und vielleicht geht es darum, ein Stück Wertschätzung übrig zu lassen – nicht für die Haltung, sondern für die Menschlichkeit, die dahinter noch irgendwo sein könnte.
Ich will mir dieses Offensein bewahren. Auch wenn es mich manchmal überfordert.
Auch wenn es mir nicht immer gelingt.
Gerade deshalb.
Was denkst du?
Kennst du diesen inneren Rollladen?
Hast du schon einmal gemerkt, wie schwer es ist, ihn wieder hochzuziehen?
Und was hilft dir, offen zu bleiben, ohne deine eigenen Werte zu verraten?
2 Antworten
Genau über das Thema denke ich auch immer wieder nach. Einerseits verletzt jemand gerade meine Werte mit seinen Ansichten. Gleichzeitig ist halt ein anderer Wert auch Respekt und Wertschätzung anderen gegenüber.
Meine Meinung muss ja nicht immer richtig sein. Warum denkt mein Gegenüber solche Dinge, warum tun vernünftige, fühlende Menschen bestimmte Dinge, haben bestimmte Ansichten?
Bei manchen Aktionen ist die Grenze fest, das ist nicht verhandelbar. Ist dann nur die Aktion oder die Meinung für mich nicht tragbar oder gleich der ganze Mensch?
Schwierig, sehr schwierig
Ich glaube, das Schwierige ist, dass es dafür keine einfache Lösung gibt. Ich muss meine Grenzen kennen, darf sie aber gerne auch mal hinterfragen. Genauso darf ich, wenn ich anderen Ideologie vorwerfe, auch mal prüfen, wie es um meine eigene Ideologie steht. Es ist komplex. Ich glaube aber, dass die Beziehung zu andern nur so gut sein kann, wie die Beziehung zu mir selbst. Wenn ich bei mir selbst auf wichtige Fragen keine Antwort finde, dann darf ich auch nicht erwarten, dass andere sie haben. Ich finde es spannend, darüber nachzudenken. Immer und immer wieder.