„Urlaub vom Patriarchat“ mit Friederike Oertel

Was bleibt, wenn wir anders hinschauen?

„Lass uns einfach ins Matriarchat ziehen.“

Dieser Gedanke taucht erstaunlich oft auf, wenn wir über die Grenzen patriarchaler Strukturen sprechen. Er klingt nach Sehnsucht, nach einem Gegenentwurf, nach einer Welt, die gerechter ist als die, die wir kennen.

Doch was passiert, wenn man diesen Gedanken ernst nimmt?

Genau das hat Friederike Oertel getan. Für ihr Buch „Urlaub vom Patriarchat“ ist sie nach Juchitán in Mexiko gereist – einen Ort, der häufig als matriarchal beschrieben wird. Was als persönliche Neugier begann, wurde zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Frage, wie Gesellschaft auch anders organisiert sein kann.
Und vielleicht noch wichtiger: Was wir daraus für unser eigenes Leben mitnehmen können.

 

Zwischen Faszination und Widerspruch

Juchitán ist eine Stadt in Mexiko. Sie liegt in einem Land, das gleichzeitig von massiver Gewalt gegen Frauen geprägt ist. Hier soll sich ein Matriarchat befinden? Dieser Kontrast lässt uns von Anfang an ahnen, dass es vermutlich keine einfachen Antworten gibt.
Und doch zeigt sich vor Ort etwas, das sich spürbar unterscheidet von dem, was wir kennen:
Auf den Märkten sind es die Frauen, die das Geschehen prägen. Sie handeln, verhandeln, organisieren – und vor allem: Sie kontrollieren das Geld. Ökonomische Unabhängigkeit ist hier kein politisches Ziel, sondern gelebte Realität.
Diese Verschiebung verändert mehr als nur wirtschaftliche Abläufe. Sie verändert Beziehungen, Selbstverständnis und Handlungsspielräume.

Gleichzeitig wird deutlich: Auch ein vermeintliches Matriarchat ist kein Ort ohne Widersprüche.

Mit den sogenannten Muxe existiert ein drittes Geschlecht, das gesellschaftlich sichtbar und akzeptiert ist. Ein Coming-out ist nicht notwendig, weil Vielfalt selbstverständlich Teil des sozialen Gefüges ist. Und dennoch bleibt auch hier eine Leerstelle: Weiblich gelesene Menschen, die als Männer leben, sind weit weniger sichtbar.

 

Was bleibt, ist die Erkenntnis:

Es gibt keine perfekte Gesellschaft. Aber es gibt unterschiedliche Arten, mit Vielfalt, Macht und Zugehörigkeit umzugehen.
Kultur ist gemacht und damit veränderbar.
Ein besonders kraftvoller Gedanke aus diesem Abend war die Erkenntnis, dass Geschlechtlichkeit und gesellschaftliche Ordnung keine Naturgesetze sind.

An verschiedenen Orten der Welt existieren nicht nur zwei, sondern vier, fünf oder mehr Geschlechterkategorien. Was wir als „normal“ empfinden, ist also vor allem eines: kulturell geprägt.
Und genau darin liegt eine große Chance.
Denn was gemacht ist, kann auch verändert werden.

 

Netzwerke, Gegenseitigkeit und gelebte Verbundenheit

Was Friederike Oertel besonders beeindruckt hat, war die Bedeutung von Netzwerken in Juchitán.
Dort wird ein Prinzip gelebt, das in vielen westlichen Gesellschaften fast verloren gegangen ist: Gegenseitigkeit.
Wenn ich dir helfe, hilfst du mir.
Nicht als kalkuliertes Tauschgeschäft, sondern als soziale Selbstverständlichkeit.
Es entsteht eine Form von Verbindlichkeit, die sich warm anfühlt. Eine Gesellschaft, die stärker miteinander verwoben ist. In der Unterstützung kein Ausnahmefall, sondern Grundlage des Zusammenlebens ist.

 

Der öffentliche Raum gehört allen

Ein weiterer Unterschied zeigt sich im Umgang mit Raum.
Während das Patriarchat Räume klar trennt – privat und weiblich, öffentlich und männlich – wird diese Trennung in Juchitán aufgebrochen.
Feste finden auf der Straße statt. Gemeinschaft ist sichtbar.
Wenn gefeiert wird, wird die Straße kurzerhand gesperrt. Autos müssen warten.
Der öffentliche Raum wird nicht nur genutzt, sondern aktiv gestaltet und verteidigt – insbesondere von Frauen.
Es ist ein Raum des Lebens, nicht nur des Funktionierens.

 

Die Frage nach Macht

Im Laufe unseres Gesprächs kamen wir immer wieder zu einer zentralen Frage zurück:
Wer hat eigentlich Macht und wie wird sie organisiert?
Eine Teilnehmerin brachte dazu ein Bild ein, das hängen geblieben ist:
Sie stellte sich ein Koordinatensystem vor.
Auf der einen Achse: Macht, die nach oben strebt. Das X.
Auf der anderen: das Miteinander, das sich horizontal entfaltet. Das Y.
Das Patriarchat, so der Gedanke, braucht dieses „oben“ und „unten“, um zu funktionieren. Es lebt von Hierarchien, von Über- und Unterordnung.
Doch was passiert, wenn wir beginnen, diese Struktur zu hinterfragen?
Wenn wir das Miteinander stärker in den Mittelpunkt stellen und die Kategorien von oben und unten aufweichen?
Vielleicht entsteht dann eine andere Form von Gesellschaft. Eine, in der Geschlecht weniger über Macht entscheidet. Eine, die nicht auf Dominanz, sondern auf Verbindung basiert.
Vielleicht ist genau das die Utopie.

 

Jenseits von Spiegelbildern

Ein weiterer Gedanke hat sich durch den Abend gezogen:
Oft suchen wir nach einem Matriarchat, weil uns das Patriarchat stört.
Doch dabei laufen wir Gefahr, einfach nur die bestehende Struktur zu spiegeln.
Oben bleibt oben. Unten bleibt unten. Nur die Rollen werden vertauscht.
Juchitán zeigt einen anderen Weg.
Keinen perfekten oder widerspruchsfreien Weg. Aber einen, der neue Perspektiven eröffnet.
Vielleicht geht es gar nicht darum, ein System durch ein anderes zu ersetzen. Sondern darum, grundlegend anders zu denken.

 

Eine leise, aber kraftvolle Vision

Was bleibt nach diesem Abend, ist keine einfache Antwort.
Sondern eine Frage:
Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, die mehr Gerechtigkeit und mehr Freude für alle ermöglicht?
Vielleicht beginnt sie nicht mit großen Umbrüchen.
Sondern mit kleinen Verschiebungen:
Wie wir miteinander umgehen.
Wie wir Macht verstehen.
Wie wir Räume gestalten.
Und wie wir uns gegenseitig sehen.

„Urlaub vom Patriarchat“ ist deshalb kein Buch über eine ferne, bessere Welt.
Es ist ein Buch, das den Blick weitet.
Und uns einlädt, unsere eigene Welt zu hinterfragen.

 

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