Warum der Mutterinstinkt ein Märchen ist und was das für Gleichberechtigung bedeutet
Zu Beginn las Annika aus dem Kapitel „Die Erfindung einer Superheldin“:
„Bedingungslos, aufopfernd, selbstlos – das sind die Attribute einer guten Mutter. Eine Superheldin, die alles kann und die stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Die immer ein Feuchttuch aus der Tasche zaubert, wenn es nötig ist, und tröstende Worte, wenn die Welt bedrohlich wackelt. Ein Mensch, der unerschöpflich liebt und für alle verfügbar ist. Jemand, der sein Leben lang Halt schenkt, aber auch irgendwann wieder großmütig loslässt, wenn es an der Zeit dafür ist. Eine Frau, die sich trotz der Widrigkeiten des Mutterseins nie selbst verliert und für alle immer der Fels in der Brandung bleibt. Warum? Weil sie schon als kleines Mädchen zur Mutter geboren wurde, mit einem Mutterinstinkt, der ihre Superkräfte verleiht.“
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Ein Märchen und gleichzeitig eines der mächtigsten Narrative unserer Gegenwart.

Warum dieses Märchen gefährlich ist
Wir tragen gesellschaftlich immer noch ein romantisiertes Bild von Mutterschaft mit uns herum.
Die Folge: Viele Eltern starten unvorbereitet in die Elternschaft, weil sie unbewusst davon ausgehen, dass Mütter „schon wissen, was zu tun ist“.
Doch jeder vermeintliche Instinkt, jeder Mythos von natürlicher Überlegenheit, ist eine Hürde für Gleichberechtigung:
Wenn Mütter „von Natur aus“ mehr wissen, warum sollten Väter Verantwortung übernehmen?
Wie sollen andere Bezugspersonen ernsthaft eingebunden werden, wenn ihnen grundlegend weniger Bindungsfähigkeit zugesprochen wird?
Kurz gesagt:
Der Muttermythos behindert Equal Care – jeden einzelnen Tag.
Was wirklich im Gehirn passiert – bei Müttern und Vätern
Spannend war, als Annika die neurologische Perspektive aufklärte:
Schwangerschaft und Geburt verändern tatsächlich das Gehirn der werdenden Mutter.
Man nennt das Sensibilisierung – eine stärkere Wahrnehmung für das Baby.
Doch das Entscheidende ist:
Ab der Geburt kann sich auch das väterliche Gehirn verändern.
Aber nur, wenn Väter sich aktiv einbringen.
Denn die hormonellen und neuronalen Anpassungen werden durch Verhalten ausgelöst – durch Körperkontakt, Interaktion, Verantwortung.
Das bedeutet:
Der Impuls vieler Väter, ein weinendes Neugeborenes sofort an die Mutter weiterzureichen, ist genau der Moment, in dem die Sensibilisierung nicht stattfinden kann.
Anstatt Bindung aufzubauen, wird sie abgegeben.
Bindung ist kein Instinkt.
Bindung ist Beziehung.
Bindung ist gemeinsame Erfahrung.
Und das gilt für alle Erwachsenen – unabhängig vom Geschlecht oder der biologischen Elternschaft.
Doch nochmal zurück – woher kommt der Muttermythos überhaupt?
Historisch betrachtet ist der Mutterinstinkt erstaunlich jung und erstaunlich praktisch für patriarchale Strukturen:
In der Steinzeit kümmerte sich niemand mono-funktional um Kinder. Diese Erzählung ist wissenschaftlich überholt.
Bis ins Mittelalter hinein arbeiteten Frauen gleichberechtigt am Familieneinkommen mit – als Händlerinnen, Handwerkerinnen und mehr.
In Frankfurt gab es zwischen 1300 und 1500 ganze 65 Berufe, die ausschließlich von Frauen ausgeübt wurden. Bierbrauerin war einer davon.
Erst Industrialisierung und Aufklärung brachten den Rollenwandel.
Philosophen wie Jean-Jacques Rousseau behaupteten plötzlich, Frauen seien „von Natur aus“ zum Muttersein bestimmt – geduldig, sanftmütig, aufopfernd.
Und tadah:
Der Muttermythos war geboren.
Hilfreich für patriarchale Strukturen, nützlich für die Organisation der Industriegesellschaft – aber wissenschaftlich nie belegt.
Sogar Märchen wurden umgeschrieben:
Die bösen Mütter in Schneewittchen oder Hänsel und Gretel wurden zu Stiefmüttern umgeschrieben.
Eine „gute Mutter“ darf nicht böse sein. Sie muss perfekt sein.
Immer.
Was dieses Bild mit uns heute macht
Wir sehen Mütter noch immer als Alltagsheldinnen, als Superwomen ohne Umhang, als Felsen in der Brandung.
Wir schreiben ihnen gleichzeitig Machtlosigkeit zu („Nur hinter einem starken Mann steht eine starke Frau“) und erwarten von ihnen, dass sie alles können – aber nicht zu viel wollen.
In der Runde stellten wir uns die Frage:
Was bleibt eigentlich übrig, wenn wir diese Zuschreibungen ablegen?
Was füllt die Leerstelle, wenn wir nicht mehr automatisch Superheldinnen sein müssen?
Eine Frage, die uns alle noch beschäftigen wird.
Die gute Nachricht
Annika brachte es wunderbar auf den Punkt:
Nicht nur Hormone steuern Verhalten – Verhalten steuert auch Hormone.
Das heißt:
Jede Person kann eine sichere Bindung aufbauen.
Jede Person kann Fürsorge lernen.
Jede Person kann ein Kind gut begleiten – unabhängig von Geschlecht oder biologischer Verwandtschaft.
Und jede Person verändert sich biologisch, wenn sie Verantwortung übernimmt.
Gebärende Mütter haben einen kleinen Startvorteil, ja.
Aber er ist viel kleiner, als uns das Märchen glauben lässt.
Elternschaft ist wie Muskeltraining
Eine schöne Erkenntnis der Veranstaltung war das folgende Bild:
Elternschaft funktioniert wie ein Muskeltraining.
Es braucht Zeit, Wiederholung, Ausdauer und ja, auch Regeneration.
Wer trainiert, kann Fürsorgekompetenz entwickeln. Alle. Immer. Unabhängig vom Geschlecht.
Wenn wir also wollen, dass Elternschaft gemeinsam gelingt, müssen wir beiden Elternteilen die Möglichkeit geben zu „trainieren“.
Umso unverständlicher ist vor diesem Hintergrund:
Dass die Bundesregierung die geplante Familienstartzeit – 14 freie Tage für das nicht-gebärende Elternteil – nicht umgesetzt hat.
Diese Zeit wäre kein „Nice-to-have“.
Sie wäre ein wichtiger Baustein für Bindung, Gleichberechtigung und nachhaltige Elternschaft.
Intuition ≠ Instinkt
Annika machte im Gespräch ausserdem etwas sehr klar, das oft durcheinandergebracht wird:
Instinkt ist angeboren.
Intuition ist gelernt.
Wenn wir spüren, dass unser Kind krank wird oder gleich weint, ist das kein Instinkt.
Es ist:
- die Summe unserer Erfahrungen,
- unserer Beobachtungen,
- unserer Beziehung zu diesem Kind.
Diese Intuition kann jede Bezugsperson entwickeln, wenn sie Zeit bekommt, um Erfahrungen zu machen.
Was wir aus dieser Veranstaltung mitnehmen
Der Mutterinstinkt ist ein Mythos – aber ein sehr wirkmächtiger.
Elternschaft ist kein Naturphänomen, sondern eine erlernbare Kompetenz.
Gleichberechtigung beginnt mit Bewusstheit über diese Fakten:
- Väter sind nicht von Natur aus „weniger geeignet“ – sie müssen nur den Raum bekommen (und nehmen!).
- Care-Arbeit ist lernbar und verteilbar.
- Bindung ist nicht angeboren, sondern entsteht.
- Und vor allem:
Wir müssen aufhören, Mütter als Superheldinnen zu erzählen – und anfangen, Elternschaft als gemeinsame Aufgabe zu verstehen.
Während der Veranstaltung haben wir auch viel über das Thema „Muttertät“ gesprochen.
Dazu gibt es von mir einen Blog-Beitrag:
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Eine Antwort
„Wir müssen aufhören, Mütter als Superheldinnen zu erzählen – und anfangen, Elternschaft als gemeinsame Aufgabe zu verstehen. „Ich ergänze gerne gleichberechtigt allen Aufgabenbereichen , die Elternschaft definieren. Leider habe ich diesen Termin, obwohl eingetragen , verpasst – so gern ich dabei gewesen wäre!