„Zusammen ist man leichter mutig.“
Mit diesem Satz eröffnete Christina Sontheim-Leven unseren Abend im Buchclub EqualPages. Und ich glaube, er beschreibt nicht nur die Entstehungsgeschichte ihres Buches Machtgebiete, sondern auch die Kraft, die von diesem Abend ausging.
Gemeinsam mit Bettina Weiguny und Anna Sophie Herken hat Christina Sontheim-Leven ein Buch geschrieben, das lange überfällig war. Für Machtgebiete haben die drei Autorinnen mit über 50 Frauen gesprochen, die Führungsverantwortung in den höchsten Ebenen von Wirtschaft und Gesellschaft tragen. Frauen, die dort angekommen sind, wo noch immer nur wenige Frauen vertreten sind: in Vorständen, Aufsichtsräten und Chefetagen.
Bevor das Buch erschien, bekamen die Autorinnen immer wieder dieselbe Warnung zu hören:
„Überlegt euch gut, ob ihr das wirklich veröffentlichen wollt. Das könnte euer Karriereende sein.“
Doch genau das Gegenteil trat ein.

Wie Christina an diesem Abend erzählte, löste das Buch einen regelrechten „positiven Tsunami“ aus. Offenbar hatten viele Frauen darauf gewartet, dass endlich jemand die Erfahrungen sichtbar macht, über die häufig nur hinter verschlossenen Türen gesprochen wird.
Eigentlich sollte an diesem Abend auch Bettina Weiguny dabei sein, die vielen durch ihre klugen FAZ-Kolumnen über Wirecard, René Benko und wirtschaftspolitische Themen bekannt ist. Leider stand sie im Stau. Christina Sontheim-Leven, ehemalige SDAX-Vorständin und heutige Aufsichtsrätin, führte uns deshalb allein durch die Gedanken des Buches.
Schon nach wenigen Minuten wurde deutlich: Dieses Buch ist keine Anklage gegen Männer. Es ist vielmehr eine Analyse von Machtstrukturen. Es beschreibt, warum Frauen selbst dann noch auf Widerstände stoßen, wenn sie die gläserne Decke längst durchbrochen haben.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht mehr:
Warum schaffen es so wenige Frauen an die Spitze?
Sondern:
Was passiert eigentlich, wenn sie dort angekommen sind?
Die Geschichten ähneln sich erschreckend
Was mich während des Lesens des Buchs beschäftigt hat, war die Ähnlichkeit der Erfahrungen.
Es sind Frauen aus unterschiedlichen Unternehmen, unterschiedlichen Branchen und unterschiedlichen Generationen. Und doch erzählen viele nahezu dieselben Geschichten.
Nicht die großen Skandale prägen ihren Alltag – sondern die vielen kleinen Situationen.
Die Bemerkungen, die Blicke, die subtilen Ausgrenzungen oder die fehlenden Informationen.
Die ständigen kleinen Botschaften, die vermitteln: Du gehörst nicht ganz dazu.
Eine Geschichte blieb mir besonders im Gedächtnis.
Vor einem Pressetermin wird im Vorstand abgestimmt, wer welche Themen übernimmt. Die männlichen Kollegen erhalten ihre fachlichen Zuständigkeiten. Anschließend fällt der Satz zur einzigen Frau im Vorstand:
„Du musst heute nur hübsch aussehen.“
Alle lachen.
Nach außen wirkt das vielleicht wie ein Scherz.
Wer kennt sie nicht, diese Scherze und die dazu gehörende Verunsicherung, wie man darauf nun reagieren soll.
Doch genau darin liegt das Problem.
Denn solche Bemerkungen stellen nicht nur Kompetenz infrage. Sie machen deutlich, welche Rolle einer Frau zugedacht wird – selbst dann, wenn sie längst bewiesen hat, dass sie ihren Platz im Vorstand verdient hat.
Macht entsteht oft dort, wo niemand hinschaut
Besonders spannend fand ich Christinas Beschreibung der heutigen Machtstrukturen.
Früher dachte ich bei Macht an formelle Hierarchien und Vorstandssitzungen. Doch Macht entsteht häufig ganz woanders.
Beim Fußball, auf dem Golfplatz, beim gemeinsamen Abendessen oder in den informellen Gesprächen nach Feierabend.
Viele Frauen berichteten davon, dass wichtige Entscheidungen längst getroffen waren, bevor die eigentliche Vorstandssitzung begann. Dort wurden dann nur noch Ergebnisse bestätigt.
Nicht weil Frauen bewusst ausgeschlossen werden mussten.
Sondern weil sie häufig gar keinen Zugang zu diesen Netzwerken haben.
Eine Managerin beschreibt, wie sie in einer Sitzung von einer Personalentscheidung erfährt, die ihre eigene Abteilung betrifft. Als sie nachfragt, warum niemand sie informiert habe, erhält sie die Antwort, dass dies bereits am Sonntag auf dem Sportplatz besprochen worden sei.Solche Beispiele zeigen, dass Macht häufig dort entsteht, wo Beziehungen wachsen. Wer keinen Zugang zu diesen Räumen hat, hat es deutlich schwerer, Einfluss zu nehmen.
Wenn Teambuilding die Konflikte sichtbar macht
Eine der verrücktesten Geschichten des Buches handelt von einem Vorstandsteam, dessen Zusammenarbeit zunehmend belastet war.
Schließlich wurde ein gemeinsamer Teambuilding-Tag organisiert.
Ein Tag im Wald sollte helfen, Konflikte aufzulösen.
Doch stattdessen eskalierte die Situation.
Die einzige Frau im Vorstand wurde unterbrochen, angeschrien und persönlich angegriffen. Am Abend zog sie sich zurück und weinte.
Am nächsten Morgen sprach sie ihre Kollegen darauf an und fragte:
„Ist euch eigentlich bewusst, was gestern passiert ist?“
Betretenes Schweigen.
Später entwickelte das Team gemeinsam Kommunikationsregeln. Man wollte sich ausreden lassen, sachlich bleiben und respektvoll miteinander umgehen.
Die Regeln hielten genau eine Sitzung.
Dann lagen sie unbeachtet in der Ecke.
Mich hat diese Geschichte deshalb so bewegt, weil sie zeigt, dass Unternehmenskultur nicht durch einen Workshop entsteht.
Kultur verändert sich nur dann, wenn Menschen bereit sind, ihr eigenes Verhalten dauerhaft zu reflektieren.
Die innere Kündigung beginnt oft lange vor der tatsächlichen
Ein weiterer Erfahrung sollte uns nachdenklich machen:
Eine junge Führungskraft entdeckt zufällig die Gehaltsliste ihres Talentprogramms.
Sie stellt fest, dass alle männlichen Kollegen rund 30 Prozent mehr verdienen, obwohl sie dieselbe Qualifikation mitbringt, dieselbe Verantwortung trägt und hervorragende Leistungsbeurteilungen erhält.
Sie spricht den CEO darauf an und geht davon aus, dass ihr Gehalt angeglichen wird.
Die Antwort lautet:
„Das machen wir hier nicht.“
Sie bleibt noch fünf Jahre im Unternehmen.
Doch sie beschreibt diesen Moment später als den Zeitpunkt ihrer inneren Kündigung.
Nicht weil sie sofort ging, sondern weil das Vertrauen verloren war.
Dieser Gedanke hat mich sehr beschäftigt.
Denn Vertrauen ist die Grundlage jeder guten Zusammenarbeit. Wenn Menschen erleben, dass Leistung nicht nach denselben Maßstäben bewertet wird, geht weit mehr verloren als Motivation.
Gleichstellung ist kein Frauenthema – sie ist ein Wirtschaftsmodell
Besonders beeindruckt hat mich das letzte Kapitel des Buches. Dort verlassen die Autorinnen die persönlichen Geschichten und richten den Blick auf die wirtschaftlichen Folgen fehlender Gleichstellung.
Oft wird über Gleichstellung gesprochen, als sei sie vor allem eine gesellschaftspolitische Forderung. Machtgebiete zeigt jedoch eindrucksvoll, dass sie vor allem eine ökonomische Notwendigkeit ist.
Die Autorinnen berechnen, dass die Unterrepräsentation von Frauen Deutschland jedes Jahr rund 372 Milliarden Euro kostet. Das sind etwa neun Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts. Das sind keine abstrakten Zahlen, sondern entgangene Innovationskraft, ungenutzte Talente und wirtschaftliches Potenzial, das wir Jahr für Jahr verschenken.
Besonders spannend fand ich den Blick nach vorne. Bereits eine Halbierung der bestehenden Gleichstellungslücken bis 2035 würde der deutschen Volkswirtschaft jährlich fast 200 Milliarden Euro zusätzlichen Wohlstand bringen. Über zehn Jahre gerechnet entspräche das mehr als zwei Billionen Euro.
Und selbst das wäre noch nicht das Ende des Potenzials. Würden Frauen und Männer ihre Fähigkeiten tatsächlich gleichermaßen einbringen können, könnte die deutsche Wirtschaft langfristig jedes Jahr deutlich stärker wachsen. Gleichstellung ist deshalb nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch eine der Wettbewerbsfähigkeit. Ich frage mich, warum wir in den öffentlichen Diskussionen rund um das Thema „Wachstum“ dieses Potential kaum ansprechen oder gar Maßnahmen ergreifen, dieses Potential zur Entfaltung zu bringen.
Diese Zahlen haben mich beeindruckt, weil sie unseren Blick verändern.
Gleichstellung ist eben kein „Frauenthema“.
Sie ist eine Zukunftsfrage und eine Frage der Innovationskraft.
Sogar Frage unserer wirtschaftlichen Stärke und letztlich eine Frage der Demokratie.
Wenn wir Frauen systematisch daran hindern, ihr Potenzial zu entfalten, verlieren am Ende nicht nur die Frauen.
Dann verlieren wir alle.
Und trotzdem macht dieses Buch Hoffnung
Trotz aller schwierigen Geschichten war dieser Abend kraftvoll und das Buch ist es auch.
Denn Machtgebiete zeigt auch Unternehmen, die einen anderen Weg gehen.
Organisationen, in denen Diversität nicht als Pflicht verstanden wird, sondern als Stärke.
In denen Frauen selbstverständlich Führungsverantwortung übernehmen.
In denen Männer Elternzeit nehmen.
In denen Familienfreundlichkeit kein Karrierekiller ist.
Und in denen unterschiedliche Perspektiven ausdrücklich gewünscht sind.
Dort wird Gleichstellung nicht als kurzfristiges Projekt verstanden, sondern als Teil der Unternehmenskultur. Über Jahre werden Strukturen geschaffen, Talentprogramme verändert und Führung neu gedacht. Das Ergebnis sind vielfältigere Teams, bessere Entscheidungen und eine Arbeitskultur, von der Frauen und Männer gleichermaßen profitieren.
Christina sprach an diesem Abend auch über die Bedeutung von Male Allies – Männern, die ihre Position nutzen, um Frauen sichtbar zu machen, auf reine Männerpanels verzichten oder Kolleginnen bewusst fördern.
Das hat mich an den Abend mit Vincent-Immanuel Herr erinnert, als wir über „Und wenn die letzte Frau den Raum verlässt“ gesprochen haben.
Veränderung gelingt schliesslich nur, wenn wir sie gemeinsam umsetzen.
Mein Fazit
Was mich an diesem Abend besonders beeindruckt hat, war der Ton des Buches.
Machtgebiete erhebt keine Vorwürfe und erzählt keine Opfergeschichten.
Es beschreibt nüchtern, präzise und zugleich sehr persönlich, wie Macht funktioniert und warum Frauen in Führungspositionen häufig noch immer andere Erfahrungen machen als ihre männlichen Kollegen.
Gerade dadurch entfaltet das Buch seine Wirkung.
Es lädt nicht zum Fingerzeigen ein sondern zum Nachdenken. Auch darüber, wo habe ich selbst zu früh aufgegeben oder zu lange geschwiegen. Wo hätte ich mir Raum nehmen dürfen und mich dem System zumuten sollen? Wir werden nicht nur verhindert, oft genug verhindern wir uns selbst.
Das Buch zeigt, dass Gleichstellung weit mehr ist als eine Frage individueller Karrieren. Sie entscheidet darüber, wie innovativ Unternehmen sind, wie zukunftsfähig unsere Wirtschaft bleibt und wie gerecht unsere Gesellschaft sein kann.
Und vielleicht beginnt die Veränderung mit dem Mut, Verbündete zu sein.
Oder, um den Satz aufzugreifen, mit dem Christina Sontheim-Leven unseren Abend eröffnete:
„Zusammen ist man leichter mutig.“
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