Was bedeutet Familie heute eigentlich noch?
Ist Familie dort, wo Menschen biologisch verwandt sind? Dort, wo Verantwortung übernommen wird? Dort, wo Menschen füreinander da sind? Oder dort, wo wir lernen, was Zusammenhalt wirklich bedeutet?

Der Abend mit Dr. Ana Hoffmeister im Buchclub EqualPages hat gezeigt: Familie ist weit mehr als ein privater Rückzugsort. Familie prägt unsere Gesellschaft, unsere Arbeitswelt und unsere Vorstellung davon, wie wir miteinander leben wollen.
Mit ihrem Buch „Future Family – Familien am Limit – neue Impulse für mehr Vereinbarkeit“ öffnete Ana Hoffmeister einen Raum für genau diese Fragen – persönlich, politisch und voller neuer Perspektiven.
Familie prägt uns – lange bevor wir selbst Familie gründen
Ana nahm uns zunächst mit auf ihre eigene Reise. Eine Lebensgeschichte, die deutlich macht, wie sehr unser Bild von Familie davon geprägt wird, wie wir selbst aufgewachsen sind.
Ihr Leben begann während einer Bombennacht in Teheran – in einer Patchworkfamilie. Ihr Vater brachte bereits ein Kind mit in die Beziehung, in der Ana geboren wurde. Kurz nach ihrer Geburt floh die Familie nach Deutschland. Nach einiger Zeit in einer Flüchtlingsunterkunft machte Ana eine Erfahrung, die sie bis heute tief prägt.
Ein älteres deutsches Ehepaar nahm die Familie bei sich auf.
Eine Familie mit kleinen Kindern, die kaum Deutsch sprach, wurde willkommen geheißen, begleitet und beheimatet.
„Das waren meine deutschen Großeltern, bevor ich meine leiblichen Großeltern kennenlernen durfte.“
Später zog auch ihre leibliche Großmutter nach Deutschland. Ana wuchs in einer Mehrgenerationenkonstellation auf – gemeinsam mit Eltern, Geschwistern und Großmutter.
Früh verstand sie dadurch etwas Entscheidendes:
- Familie entsteht nicht nur durch Blutsverwandtschaft.
- Familie ist Verbindlichkeit.
- Familie ist Fürsorge.
- Familie ist ein Netz von Beziehungen über Generationen hinweg.
- Und Familie hinterlässt Spuren – emotional, kulturell und gesellschaftlich.
Aus einem kleinen Heft wurden drei Jahre intensive Recherche
Eigentlich, erzählte Ana lachend, sollte das Projekt einmal ein kleines Heft werden. Drei Monate Arbeit hatte sie dafür eingeplant.
Daraus wurden drei Jahre intensiver Auseinandersetzung mit der Frage:
Wie wollen wir Familie künftig leben?
Für ihr Buch sprach sie mit Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensmodellen:
mit Alleinerziehenden, Patchworkfamilien, Mehrgenerationenhaushalten, pflegenden Angehörigen, doppelt Vollzeit arbeitenden Eltern und Familien, die bewusst neue Formen des Zusammenlebens ausprobieren.
Dabei wurde deutlich:
Die klassische Kernfamilie trägt viele gesellschaftliche Herausforderungen längst nicht mehr alleine.
Familien tragen, was Systeme nicht mehr auffangen
Im Gespräch wurde schnell klar, warum das Thema viele Menschen emotional so berührt.
Familien stehen heute enorm unter Druck.
- Kitakrise
- Bildungsmisere
- Pflegenotstand
- Steigende Lebenshaltungskosten
- Arbeitsverdichtung
- Emotionale Erschöpfung
Vieles, was gesellschaftlich nicht funktioniert, landet am Ende bei den Familien.
Dort wird organisiert, kompensiert, gepflegt, getragen und aufgefangen.
Und häufig geschieht genau das unter Bedingungen, die Menschen dauerhaft überfordern.
Was viele Eltern heute erleben
Sie funktionieren nur noch.
Sie sind erschöpft und oft auch einsam.
Besonders eindrücklich war deshalb die Frage, die mehrfach im Raum stand:
Wo ist eigentlich das Dorf geblieben, das wir brauchen?
Warum Vereinbarkeit mehr ist als ein Organisationsthema
Ana machte deutlich, dass Vereinbarkeit oft viel zu technisch diskutiert wird.
Es geht eben nicht nur um Arbeitszeiten, Homeoffice oder Kita-Plätze.
Es geht um die grundlegende Frage:
Wie wollen wir als Gesellschaft miteinander leben?
Denn Familie ist kein isolierter Privatbereich.
In Familien entscheidet sich:
- wie Fürsorge gelebt wird
- wie Demokratie erlebt und gestaltet wird
- wie Verantwortung verteilt wird
- wie Menschen Beziehungen gestalten
- und wie solidarisch eine Gesellschaft funktioniert
Familie ist damit kein Randthema
Sie ist die Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Der kulturelle Blick auf Familie
Spannend war auch der Blick auf kulturelle Unterschiede.
Während in Deutschland viele Menschen sehr stark auf Unabhängigkeit und Abgrenzung setzen, sind größere familiäre Verbünde in vielen anderen Kulturen selbstverständlich.
Mehrgenerationenhaushalte, gegenseitige Unterstützung und gemeinschaftliche Verantwortung werden dort oft ganz anders gelebt.
Das führte zu einer wichtigen Frage:
Warum fällt es uns in Deutschland so schwer, Unterstützung anzunehmen oder Verantwortung gemeinsam zu tragen?
Vielleicht auch deshalb, weil Familie hier häufig als rein private Angelegenheit betrachtet wird.
- Kinder gelten schnell als „Privatvergnügen“
- Pflege wird individualisiert
- Abhängigkeit wirkt unangenehm
- Und wer Unterstützung braucht, empfindet oft Scham
Dabei brauchen Menschen Gemeinschaft – gerade in belastenden Zeiten.
Familienfreundlichkeit zeigt sich am Umgang mit Schwäche
Ein Gedanke des Abends blieb besonders hängen:
Die Familienfreundlichkeit eines Landes zeigt sich daran, wie es mit den kleinen, alten und verletzlichen Menschen umgeht.
Und genau dort zeigt Deutschland große Probleme.
Menschen, die wirtschaftlich noch keinen oder keinen direkten „Wert“ erzeugen, werden gesellschaftlich oft übersehen:
- Kinder
- Pflegebedürftige
- Alte Menschen
- Sorgende Angehörige
Viele Eltern kennen das Gefühl, dass ihre Kinder stören.
Dass sie im öffentlichen Raum unerwünscht sind.
Dass Familie zwar gesellschaftlich erwartet wird – die Verantwortung dafür aber möglichst unsichtbar bleiben soll.
Dieser Gedanke erinnert mich an die Diskussionen rund um Nathalie Klüvers Buch „Deutschland, ein kinderfeindliches Land“, das ebenfalls Thema im Buchclub EqualPages war.
„Wir müssen uns öffnen“
Anas zentrales Plädoyer an diesem Abend lautete:
„Wir müssen uns öffnen.“
Für andere Lebensmodelle.
Für andere Generationen.
Für neue Formen von Gemeinschaft.
Und vielleicht auch für die Erkenntnis, dass niemand dauerhaft alles alleine tragen kann.
Besonders berührend war ihr Gedanke des Denkens in Generationen.
Viele indigene und naturverbundene Kulturen treffen Entscheidungen nicht nur für die Gegenwart, sondern mit Blick auf mehrere Generationen zurück und mehrere Generationen voraus.
Diese Perspektive verändert vieles.
Sie entlastet.
Sie verbindet.
Und sie erinnert uns daran, dass nicht eine einzige Generation alle Probleme lösen muss.
Wann ist man eigentlich „eine richtige Familie“?
Wie persönlich und emotional das Thema Familie ist, zeigte sich auch in den Beiträgen der Teilnehmerinnen.
Eine Teilnehmerin erzählte, dass sie sich als alleinerziehende Mutter lange Zeit nicht als „richtige Familie“ empfunden habe.
Erst im Laufe der Jahre konnte sie ihr Bild davon verändern.
Ein anderer Gedanke beschäftigte viele:
Wie können wir Kinder gemeinschaftlicher begleiten, ohne dass Unterstützung sofort als Einmischung empfunden wird?
Wie können Freundschaften, Nachbarschaften und Wahlfamilien wieder tragfähiger werden?
Wer kann Teil meines Dorfes sein?
Und für wen kann ich selbst Teil dieses Dorfes sein?
Vielleicht entstehen neue Lösungen genau dort, wo es weh tut
Der Abend endete nicht mit einfachen Antworten aber mit vielen ehrlichen Gedanken.
Vielleicht entstehen neue Wege oft genau dort, wo bestehende Systeme nicht mehr tragen.
Vielleicht zwingt uns die Erschöpfung vieler Familien dazu, neue Formen des Zusammenlebens zu suchen.
Nicht aus romantischer Sehnsucht.
Sondern aus echter Notwendigkeit.
Und vielleicht liegt darin auch Hoffnung.
Denn Resilienz entsteht oft nicht trotz schwieriger Erfahrungen, sondern mitten in ihnen.
Wenn wir bereit sind, uns zu öffnen.
Für andere Menschen.
Für neue Perspektiven.
Und für die Erkenntnis, dass Familie kein starres Modell ist – sondern etwas Lebendiges, das wir gemeinsam gestalten können.
Fazit: Familie ist Zukunftsarbeit
Der Abend mit Ana Hoffmeister hat gezeigt:
Die Frage nach Vereinbarkeit ist keine Nischenfrage für Eltern.
Sie ist eine gesellschaftliche Zukunftsfrage.
Denn dort, wo Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, entsteht die Grundlage für alles andere:
- für Wirtschaft
- für Demokratie
- für Bildung
- für Zusammenhalt
Vielleicht müssen wir deshalb aufhören zu fragen:
„Wie schaffen Familien das alles?“
Und stattdessen fragen:
„Wie schaffen wir eine Gesellschaft, in der Familien nicht alles alleine tragen müssen?“
Wenn du dich für diese Fragen interessierst, dann ist „Future Family“ ein Buch, das viele neue Perspektiven eröffnet – ehrlich, differenziert und voller Denkanstöße.
Und vielleicht auch eine Einladung, das eigene Bild von Familie noch einmal neu zu betrachten.
Wenn du dieses Buch kaufen möchtest
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