Elternschaft als Kompetenzlabor
„Why is it that I always get a whole person when all I want is a pair of hands?“
Dieser Satz wird Henry Ford zugeschrieben. Er steht für ein Arbeitsverständnis, das lange Zeit prägend war: Menschen wurden vor allem als Arbeitskraft betrachtet – als „Hände“, die funktionieren sollten.
Doch Menschen sind nie nur Arbeitskräfte. Sie sind Eltern, Partnerinnen, Freundinnen, Pflegende oder Ehrenamtliche. Diese Rollen lassen sich nicht einfach an der Bürotür ablegen. Trotzdem erleben viele Eltern bis heute, dass genau das von ihnen erwartet wird.
Elternzeit erscheint im Lebenslauf schnell wie eine Lücke. Teilzeit gilt häufig als Karrierebremse. Erfahrungen aus dem Familienalltag werden als privat betrachtet und damit als beruflich irrelevant.
Dabei stehen wir heute vor zwei großen gesellschaftlichen Herausforderungen: Die Geburtenrate sinkt seit Jahren, gleichzeitig wird der Fachkräftemangel immer drängender. Können wir diese Herausforderungen wirklich bewältigen, wenn wir weiterhin so tun, als hätten außerberufliche Erfahrungen keinen Wert und Care-Arbeit stünde in direkter Konkurrenz zur Erwerbsarbeit?
Genau an dieser Stelle setzte die Veranstaltung im Buchclub EqualPages mit Joachim Lask und seinem Buch Elterliche Skills in Organisationen an.

Was Eltern tatsächlich lernen
Wir starteten in den Austausch mit einer einfachen Frage:
„Welche Skills habt ihr in eurer Elternschaft entwickelt?“
Die Antworten kamen schnell und aus vielen Richtungen. Es sprudelte förmlich:
- Mut zum Risiko
- Entscheidungen treffen, obwohl nicht alle Informationen vorliegen
- Grenzen setzen
- Konfliktkommunikation
- Geduld
- Loslassen
- Akzeptanz
Viele dieser Fähigkeiten entstehen nicht durch Trainings oder Seminare. Sie entwickeln sich mitten im Alltag – in Situationen, die emotional herausfordernd sind und echte Verantwortung verlangen.
Elternschaft ist damit viel mehr als eine private Lebensphase. Sie ist ein Reallabor für Kompetenzen, die in einer komplexen Arbeitswelt immer wichtiger werden.
Familie als Lernverdichterort
Ein besonders treffender Begriff, der gefallen ist, lautet: Lernverdichterort.
Familienalltag bedeutet, dass Lernprozesse verdichtet stattfinden. Entscheidungen müssen häufig schnell getroffen werden. Emotionen spielen eine Rolle. Situationen sind selten eindeutig.
Viele Eltern kennen dieses Gefühl: Man steht vor einer Situation, hat nicht alle Informationen und muss trotzdem handeln.
Genau diese Fähigkeit ist auch in Organisationen zunehmend gefragt.
Ein Beispiel dafür ist situative Führung. Wenn Eltern ihren Kindern beim Fahrradfahren lernen Vertrauen schenken, passiert etwas Spannendes:
Sie geben Freiraum, bleiben aber gleichzeitig aufmerksam. Sie setzen ein Ziel, ohne den Weg komplett vorzugeben. Gleichzeitig müssen sie ihre eigenen Ängste und Kontrollimpulse regulieren.
Das ist eine Kernkompetenz moderner Führung.
Ein zweites Beispiel ist Entscheidungsstärke unter Unsicherheit. Eltern treffen täglich Entscheidungen, obwohl die Informationslage unvollständig ist. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig Fehlertoleranz zu entwickeln.
Viele dieser Kompetenzen entstehen im Familienalltag ganz selbstverständlich. Die Herausforderung besteht darin, sie auch als solche zu erkennen und sichtbar zu machen.
Wie Joachim Lask zu diesem Thema kam
Joachim erzählte uns, wie seine intensive Beschäftigung mit dem Thema begann.
In seiner Arbeit beobachtete er immer wieder, dass Führungskräfte sich veränderten, nachdem sie Eltern geworden waren. Viele wurden geduldiger, reflektierter und konnten Konflikte besser moderieren und lösen.
Gleichzeitig galten Eltern in Organisationen weiterhin häufig als Risiko. Elternzeit oder reduzierte Arbeitszeiten wurden schnell mit geringerer Leistungsfähigkeit gleichgesetzt.
Auch das Mindset vieler Eltern selbst war stark defizitorientiert. Elternschaft wurde häufig als Verlust von Kompetenz oder Einfluss wahrgenommen.
Joachim stellte deshalb eine andere Frage:
Was wäre, wenn Elternschaft kein Karrierehindernis, sondern ein Kompetenzfeld wäre?
Auf dieser Suche stieß er auf das Konzept des Work-Family-Enrichment – ein Forschungsfeld, das international bereits gut untersucht ist, im deutschsprachigen Raum jedoch noch wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.
Wenn sich Lebensbereiche gegenseitig stärken
Das Konzept des Work-Family-Enrichment beschreibt, wie sich Arbeit und Familie gegenseitig bereichern können.
Dabei gibt es zwei Richtungen.
Family-to-Work-Enrichment bedeutet, dass Menschen durch ihre Rolle als Eltern Fähigkeiten entwickeln, die ihnen im beruflichen Kontext helfen.
Umgekehrt beschreibt Work-to-Family-Enrichment, dass Erfahrungen aus der Erwerbsarbeit auch das Familienleben stärken können – etwa durch Strukturierungsfähigkeit oder Problemlösungskompetenz.
Statt Konkurrenz entsteht also eine gegenseitige Verstärkung der Lebensbereiche.
Warum Familie ein besonders wirksamer Lernort ist
Im Gespräch wurde deutlich, warum gerade der Familienalltag ein so intensiver Lernraum sein kann.
- Vertrauen als Lernbasis
Familien sind einzigartige Vertrauensräume. Sie bieten einen sicheren Rahmen, in dem Menschen ausprobieren, scheitern und wieder neu anfangen können. - Klare Lernziele
Die Entwicklungsziele von Kindern sind sichtbar und konkret. Eltern begleiten diese Entwicklung aktiv und passen ihr Verhalten ständig an. - Lernen durch Erfahrung
Elternschaft ist Learning by Doing. Erfolg und Misserfolg liegen oft nah beieinander. - Ehrliches Feedback
Kinder geben unmittelbares Feedback – manchmal schonungslos direkt, aber selten unehrlich. - Lange Lernphasen
Die Begleitung von Kindern erstreckt sich über viele Jahre und unterschiedliche Entwicklungsphasen. - Intrinsische Motivation
Eltern handeln aus einer tiefen Sinnhaftigkeit heraus. - Selbstorganisation
Jede Familie gestaltet ihren Alltag individuell und entwickelt eigene Lösungen.
Zusammengefasst ist Familie nicht nur ein Ort der Fürsorge.
Sie ist auch ein intensiver Lernraum, der Menschen regelmäßig aus ihrer Komfortzone herausführt.
Warum Eltern ihre Kompetenzen oft unterschätzen
Ein besonders spannender Punkt in der Diskussion war eine Beobachtung, die viele von uns kennen.
Eltern selbst sprechen häufig sehr zurückhaltend über ihre Fähigkeiten.
Man hört Sätze wie:
„In der Elternzeit habe ich beruflich nichts gemacht.“
„Ich war raus.“
„Ich muss mich erst wieder reinfinden.“
Im selben Gespräch erzählen diese Menschen jedoch, dass sie täglich:
- Entscheidungen unter hohem Druck treffen
- Konflikte moderieren
- komplexe Tagesstrukturen organisieren
- Verantwortung für andere übernehmen
- durchhalten, auch wenn die eigene Energie längst aufgebraucht ist
Das ist kein Stillstand.
Das ist Kompetenzentwicklung unter realen Bedingungen.
Ein Grund für diese Selbstunterschätzung liegt vermutlich darin, wie wir Leistung gesellschaftlich bewerten. Leistung gilt oft nur dort als sichtbar, wo sie formal organisiert, bezahlt und dokumentiert ist.
Alles, was im Alltag entsteht, wirkt unsystematisch und wird deshalb unterschätzt.
Das betrifft Organisationen ebenso wie Eltern selbst. Dabei erwerben wir 70-90% der Skills, die beruflich relevant sind, informell. D.h. im Leben und nicht in Universitäten oder Aus- und Weiterbildungen.
Genau hier setzt auch ein Instrument an, das Joachim Lask entwickelt hat: der Parental Skills Scan. Dieses Tool hilft Eltern dabei, ihre Kompetenzen systematisch zu reflektieren und in eine Sprache zu übersetzen, die auch im beruflichen Kontext verständlich ist.
Die Arbeitswelt hat sich verändert
Seit den Zeiten von Henry Ford hat sich auch die Arbeitswelt grundlegend verändert.
Heute sprechen wir von einer VUKA-Welt – geprägt von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität.
Das World Economic Forum benennt unter anderem folgende Schlüsselkompetenzen für die kommenden Jahre:
- analytisches und kritisches Denken
- kreatives Problemlösen
- Resilienz und Flexibilität
- Selbstmanagement und Lernbereitschaft
- Führungsfähigkeit und sozialer Einfluss
- Empathie und aktives Zuhören
- die Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen
Wenn man diese Liste betrachtet, fällt eines auf:
Viele dieser Fähigkeiten entstehen genau dort, wo sie bisher selten wahrgenommen werden – im Alltag von Familien.
Die Lebenswelt von Eltern bildet die Dynamik der VUKA-Welt in vieler Hinsicht bereits ab.
Eine neue Frage für Organisationen
Der Austausch hat gezeigt, welches Potenzial in dieser Perspektive liegt.
Eltern entwickeln Fähigkeiten, die Organisationen dringend brauchen. Doch diese Kompetenzen bleiben oft unsichtbar, weil sie außerhalb formaler Bildungs- und Karrierestrukturen entstehen.
Die Herausforderung besteht deshalb weniger darin, neue Fähigkeiten zu schaffen. Vielmehr geht es darum, vorhandene Kompetenzen sichtbar zu machen und ernst zu nehmen.
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage für Organisationen heute eine andere als zu Zeiten von Henry Ford.
Nicht:
Wie bekommen wir möglichst viele Hände?
Sondern:
Wie schaffen wir Arbeitswelten, in denen ganze Menschen mit all ihren Erfahrungen wirken können?
Wenn du dieses Buch kaufen möchtest, dann nutze gerne entweder den lokalen Buchhandel oder das faire „A“ Autorenwelt.
Komme gerne zu einer der nächsten Veranstaltungen im Buchclub EqualPages dazu. Alle Veranstaltungen sind online und kostenlos. Das Programm findest du auf meiner Website.
PS: Wenn du meine Arbeit im Buchclub wertschätzen und unterstützen möchtest, freue ich mich hier über einen kleinen „Kaffee“ ☕💛