„Die Rosa-Hellblau-Falle“ – ein Abend mit Sascha Verlan

Wie früh Rollenbilder unsere Freiheit begrenzen

Ein Abend mit Sascha Verlan im Buchclub EqualPages

Im Buchclub EqualPages durften wir Sascha Verlan zu seinem Buch Die Rosa-Hellblau-Falle begrüßen. Es war ein Abend, der gleichermaßen bestätigend wie herausfordernd war und viele unserer eigenen Prägungen sichtbar machte.

Wenn ich in meiner Arbeit mit Frauen oder Paaren die Ursachen für wiederkehrende Konflikte, Überforderung oder unausgesprochene Enttäuschungen auf einen gemeinsamen Nenner bringen müsste, dann wären es häufig tief verankerte Rollenerwartungen. Diese Erwartungen betreffen die Frage, wie eine Frau oder ein Mann zu sein hat. Sie sind so früh in unser Leben eingeschrieben worden, dass sie sich später kaum noch wie gesellschaftliche Konstruktionen anfühlen, sondern wie naturgegebene Wahrheiten.

 

Freiheit und Gleichstellung sind rechtlich verankert – aber nicht erzieherische Praxis

Rein rechtlich verfügen wir über klare Grundlagen. Artikel 2 des Grundgesetzes garantiert das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Artikel 3 Absatz 2 schreibt die Gleichberechtigung von Männern und Frauen fest und verpflichtet den Staat ausdrücklich, deren Durchsetzung aktiv zu fördern.

Doch niemand erzieht nach dem Wortlaut des Grundgesetzes.
Wir erziehen aus Erfahrung, aus Prägung und aus dem, was wir selbst gelernt und vorgelebt bekommen haben. In diesen Erfahrungen bilden sich häufig binäre Geschlechterbilder ab. Mädchen gelten als fürsorglich, fleißig und angepasst, während Jungen als wild, robust und weniger emotional beschrieben werden. Solche Zuschreibungen sind weit verbreitet, und vermutlich hat sich jede und jeder von uns schon einmal dabei ertappt, sie im eigenen Denken zu reproduzieren.

 

Die Vielfalt innerhalb der Geschlechter wird unterschätzt

Sascha Verlan machte an diesem Abend deutlich, wie sehr wir dazu neigen, Durchschnittswerte mit Normen zu verwechseln. Ein anschauliches Beispiel ist die Körpergröße. Im Durchschnitt sind Männer größer als Frauen. Betrachtet man jedoch die größte und die kleinste Frau sowie den größten und den kleinsten Mann, zeigt sich, dass die Unterschiede innerhalb einer Geschlechtergruppe größer sind als die durchschnittlichen Unterschiede zwischen den Gruppen.

Dieses Prinzip lässt sich auf viele weitere Eigenschaften übertragen, etwa auf Empathie, Durchsetzungsfähigkeit, mathematisches Verständnis oder Sprachkompetenz. Die individuelle Vielfalt ist größer als die Differenz zwischen den Geschlechtern. Dennoch formen wir aus statistischen Mittelwerten kulturelle Erwartungen und aus Erwartungen schließlich soziale Normen.

 

Der Praxistest beginnt häufig in der Kita

Viele Eltern äußern den Wunsch, ihre Kinder frei von Rollenklischees aufwachsen zu lassen. Laut einer Studie des Familienministeriums geben rund neunzig Prozent der Befragten an, dass sie sich genau das wünschen.

Dennoch stellt sich die Frage, ab welchem Punkt wir selbst ein Rollenklischee erkennen und wo wir etwas als naturgegeben betrachten. In der praktischen Umsetzung zeigen sich die Grenzen dieses Anspruchs häufig sehr schnell. Spätestens beim Eintritt in die Kita erleben viele Familien, wie stark gesellschaftliche Zuschreibungen wirken. Auch für Sascha Verlan und Almut Schnerring war diese Erfahrung ein entscheidender Impuls, ihr Buch zu schreiben.

Wenn ein Mädchen mit kurzen Haaren und blauen Turnschuhen automatisch für einen Jungen gehalten wird und sich erklären muss, wird deutlich, wie schnell unsere Gesellschaft kategorisiert. Kinder lernen früh, dass bestimmte Farben, Spielzeuge oder Verhaltensweisen scheinbar einem Geschlecht zugeordnet sind.

Ein Blick in Werbekampagnen oder Spielzeugkataloge verdeutlicht, wie stark diese binäre Einteilung wirtschaftlich genutzt wird. Die Industrie investiert erhebliche Mittel in die Aufrechterhaltung eines Systems, das zwischen Rosa und Hellblau unterscheidet. Wer sich diesem Bild entziehen möchte, benötigt Bewusstheit und eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den eigenen Prägungen.

 

Die Gesellschaft nicht ins eigene Zuhause holen

Ein Gedanke von Sascha Verlan hat mich besonders beschäftigt. Er sagte sinngemäß, dass wir uns die gesellschaftlichen Zuschreibungen nicht selbst an den Küchentisch holen sollten.
Wenn Eltern ihrem Sohn vor dem Kindergarten erklären, dass er besser keinen Rock oder keinen Nagellack tragen solle, weil er sonst gehänselt werden könnte, dann wird die erwartete Abwertung bereits im geschützten Raum des eigenen Zuhauses verankert. Eine alternative Möglichkeit besteht darin, das Gespräch mit der Einrichtung zu suchen und klarzustellen, dass Vielfalt respektiert und geschützt werden soll.

Ein eindrückliches Beispiel ist Nils Pickert, der selbst Rock trug, um seinem Sohn zu zeigen, dass Kleidung keine geschlechtliche Grenze definiert. Nicht jede Familie wird diesen Weg wählen wollen oder können. Dennoch können wir Jungen etwa den Raum eröffnen, fürsorglich zu sein, mit Puppen zu spielen oder emotionale Stärke zu entwickeln. Ebenso können wir Mädchen ermutigen, präsent, technisch interessiert oder durchsetzungsfähig zu sein, ohne dies als Ausnahme zu markieren.

 

Warum dieses Thema weit über die Kindheit hinausreicht

Die Auseinandersetzung mit Rollenbildern endet nicht im Kindesalter. In meiner Arbeit mit Frauen und Paaren begegnen mir häufig die langfristigen Folgen früher Prägungen. Viele Frauen erleben eine hohe Belastung durch Mental Load und eine ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Hinter diesen strukturellen Ungleichheiten stehen oft implizite Annahmen darüber, wer wofür zuständig ist und wer welche Verantwortung selbstverständlich übernimmt.

Diese Annahmen entstehen nicht erst im Erwachsenenalter. Sie entwickeln sich früh und werden durch ein binäres Geschlechtersystem stabilisiert, das bis heute wirksam ist.

Die Rosa-Hellblau-Falle macht deutlich, wie subtil und zugleich kraftvoll diese Mechanismen sind. Das Buch lädt dazu ein, unsere Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit nicht als naturgegeben hinzunehmen, sondern als gesellschaftliche Konstruktionen zu erkennen, die veränderbar sind.

 

Ein Abend, der zum bewussteren Hinsehen einlädt

Der Austausch mit Sascha Verlan war sachlich fundiert und zugleich praxisnah. Es ging nicht darum, Eltern moralisch zu bewerten oder einfache Lösungen zu präsentieren. Vielmehr ging es um die Bereitschaft, eigene Denkmuster zu hinterfragen und Kindern echte Entfaltungsräume zu ermöglichen.

Vielleicht beginnt Veränderung dort, wo wir aufhören, stereotype Erwartungen unreflektiert weiterzugeben. Und vielleicht beginnt Gleichstellung nicht erst in politischen Debatten, sondern in den alltäglichen Entscheidungen, die wir im Umgang mit unseren Kindern treffen.

 

Wenn du dieses Buch kaufen möchtest, dann nutze gerne entweder den lokalen Buchhandel oder das faire „A“ Autorenwelt.

Wenn du tiefer in das Thema eintauchen möchtest, dann schaue gerne in der Equal Care-Akademie von Sascha und Almut vorbei.

Komme gerne zu einer der nächsten Veranstaltungen im Buchclub EqualPages dazu. Alle Veranstaltungen sind online und kostenlos. Das Programm findest du auf meiner Website.

PS: Wenn du meine Arbeit im Buchclub wertschätzen und unterstützen möchtest, freue ich mich hier über einen kleinen „Kaffee“ ☕💛

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