Wechseljahre – ein Neubeginn mit Strahlkraft

Es war ein besonderer Abend im Buchclub EqualPages: Sechs Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin durften wir gemeinsam mit Ute Brambrink und Claudia Rieß einen intensiven Blick in ihr neues Werk werfen – „Das Menopower-Buch – Wechseljahre & Job: was Frauen hilft, stark zu bleiben“. Beide Autorinnen waren live dabei, offen, klar und mit spürbarer Leidenschaft für ihr Anliegen: Die Wechseljahre gehören ins Bewusstsein – und zwar nicht nur ins private, sondern ausdrücklich ins berufliche.
Denn zu viele Frauen treffen in dieser transformativen Lebensphase berufliche Entscheidungen zu ihrem Nachteil. Nicht, weil sie weniger leistungsfähig wären. Sondern weil Wissen fehlt, weil Symptome falsch eingeordnet werden und weil über Unterstützungsmöglichkeiten kaum gesprochen wird.
Ein Narrativ, das überholt ist
Besonders bewegend war die Diskussion über das Bild, das wir gesellschaftlich von den Wechseljahren haben. Warum werden sie so häufig mit „Verblühen“ gleichgesetzt, während wir die Pubertät als Aufbruch und Aufblühen verstehen? Beide Phasen sind körperliche und seelische Transformationsprozesse. In beiden Fällen verändert sich der Mensch grundlegend. Und in beiden Fällen verlässt man diese Phase anders, als man hineingegangen ist.
Doch während die Pubertät mit Entwicklung, Zukunft und Potenzial verknüpft wird, haftet den Wechseljahren oft ein Narrativ des Verlusts an. Ja, die Fähigkeit zur Reproduktion endet. Aber gleichzeitig wachsen Erfahrung, Klarheit, innere Souveränität und oft auch der Mut zur bewussten Neuausrichtung. Viele Frauen kommen gestärkt aus dieser Phase hervor. Vielleicht ist es genau diese Kraft, die in einem patriarchal geprägten System irritiert und deshalb negativ gerahmt wird.
Wenn wir dieses Narrativ nicht verändern, werden wir weiterhin übersehen, welches Potenzial in dieser Lebensphase liegt.
Die Realität am Arbeitsplatz
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Studien wie „MenoSupport“, die erste deutsche Untersuchung zu Wechseljahren und Arbeitsplatz von Professorin Andrea Rumler (HWR Berlin), zeigen, dass die Menopause systematisch unterschätzt wird, obwohl sie volkswirtschaftlich hoch relevant ist.
Zwei Drittel aller deutschen Unternehmen klagen über Fachkräftemangel. Gleichzeitig gibt es kaum betriebliche Gesundheitsangebote für Frauen in den Wechseljahren. Die Folgen sind gravierend:
- 10 % der befragten Frauen mit Beschwerden wollten wegen der Menopause früher in Rente gehen oder hatten dies bereits getan; bei den über 55-Jährigen waren es sogar 19,4 %.
- Fast ein Viertel hatte aufgrund der Beschwerden die Arbeitszeit reduziert.
- Fast ein Drittel war krankgeschrieben oder hatte unbezahlten Urlaub genommen.
- Mehr als jede sechste Frau hatte deshalb bereits die Stelle gewechselt.
Als besonders belastend im Arbeitskontext wurden unter anderem verminderte Konzentrationsfähigkeit, Hitzewallungen, Erschöpfung, Schlafstörungen, Migräne, erhöhte Reizbarkeit oder depressive Verstimmungen genannt. Über die Hälfte der Befragten fühlte sich mit dem Thema am Arbeitsplatz alleingelassen.
International wird die Dringlichkeit längst erkannt
In Großbritannien verpflichten sich immer mehr Unternehmen, ein wechseljahresfreundliches Arbeitsumfeld zu schaffen. Weltweit gehen laut Schätzungen jährlich rund 150 Milliarden Euro an Wirtschaftskraft verloren, weil Frauen in dieser Phase aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Allein in Deutschland fehlen perspektivisch Millionen Arbeitskräfte. Können wir es uns leisten, erfahrene, gut ausgebildete Frauen in dieser Lebensphase zu verlieren?
Wechseljahre und Diskriminierung – ein strukturelles Thema
Auch politisch bewegt sich etwas. Die Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman hat ein interdisziplinäres Gremium „Wechseljahre und Diskriminierung“ ins Leben gerufen, das konkrete Handlungsempfehlungen erarbeiten soll. Studien zeigen, dass jede dritte Frau sich durch Wechseljahresbeschwerden bei der Arbeit beeinträchtigt fühlt; nach einer DAK-Studie empfindet fast jede zweite Frau zwischen 40 und 62 Jahren die Beeinträchtigungen als stark. Besonders betroffen sind Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen oder mit geringem Einkommen.
Die Wechseljahre sind damit kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles Versäumnis
Wenn Politik, Medizin und Unternehmen das Thema ignorieren, verlieren wir nicht nur Fachkräfte. Wir verstärken auch Ungleichheit.
Was wir brauchen: Wissen, Humor und Kulturwandel
Im Buchclub waren wir uns einig: Der erste Schritt ist das Gespräch. Wenn wir beginnen, offen zu sprechen – und ja, auch gemeinsam zu lachen – verliert das Thema seinen Schrecken. Manchmal entstehen aus scheinbar heiklen Themen überraschend leichte Momente. Und mit der Offenheit kommen die Lösungen in den Blick.
- Vielleicht ist es die Möglichkeit zu Mikropausen oder Homeoffice.
- Vielleicht ein Arbeitsplatz näher am Fenster.
- Vielleicht ein Ruheraum, der flexibel genutzt werden kann.
- Vielleicht gemeinsame Bewegungsangebote oder einfach eine Führungskraft, die zuhört.
Nicht jede Maßnahme passt für jede Frau. Aber eine offene, unterstützende Unternehmenskultur ist unbezahlbar.
Alter neu denken
Besonders nachhallend war ein Zitat von Elke Heidenreich: „Alle wollen alt werden – keiner will alt sein.“
Was bedeutet „alt sein“ überhaupt? Und wer definiert das? Wenn wir Alter weiterhin mit Defizit verknüpfen, landen wir zwangsläufig bei Altersdiskriminierung. Dabei stehen viele Frauen in den Wechseljahren mitten im Leben, in Verantwortung, in Führungsrollen und verfügen über eine immense berufliche und persönliche Kompetenz.
Die Wechseljahre sind kein Karriereknick. Sie sind eine Phase der Neujustierung. Wer sie versteht, kann gestärkt aus ihr hervorgehen.
Eine Frage, die uns alle betrifft
Am Ende bleibt eine große, gesellschaftliche Frage: Wenn uns in Deutschland Millionen Arbeitskräfte fehlen werden, können wir es uns leisten, dass Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren oder das Erwerbsleben verlassen, weil sie in den Wechseljahren allein gelassen werden?
Diese Frage betrifft uns alle – unabhängig von Geschlecht oder Lebensphase. Denn sie berührt Wirtschaft, Gerechtigkeit und das Bild vom Wert weiblicher Erfahrung.
Der Abend mit Ute Brambrink und Claudia Rieß hat deutlich gemacht: Wir brauchen ein neues Narrativ. Eines, das nicht vom Verblühen spricht, sondern von Reifung. Nicht vom Verlust, sondern von Klarheit. Nicht vom Rückzug, sondern von bewusster Kraft.
Vielleicht beginnt dieser Wandel genau dort, wo wir anfangen, offen darüber zu sprechen – im Buchclub, im Büro, in der Politik. Und vielleicht entdecken wir dann, dass in dieser Lebensphase weit mehr Strahlkraft liegt, als wir lange angenommen haben.
Wenn du dieses Buch kaufen möchtest, dann nutze gerne entweder den lokalen Buchhandel oder das faire „A“ Autorenwelt.
Wenn du das Thema Wechseljahre in deinen Betrieb holen möchtest, dann schaue gerne mal bei the-change.org vorbei.
Komme gerne zu einer der nächsten Veranstaltungen im Buchclub EqualPages dazu. Alle Veranstaltungen sind online und kostenlos. Das Programm findest du auf meiner Website.
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