Warum Gertraud Klemms Buch und unser Gespräch zur genau richtigen Zeit kamen
Als ich im Sommer 2025 Abschied vom Phallozän von Gertraud Klemm gelesen habe, hätte ich nicht ahnen können, wie erschreckend aktuell dieses Buch nur wenige Monate später sein würde.
Ich habe Gertraud Klemm in den Buchclub EqualPages eingeladen, weil mich ihre Analyse patriarchaler Machtstrukturen berührt, herausgefordert und lange beschäftigt hat.
Nicht, weil ich wusste, dass wir uns zum Zeitpunkt der Lesung in einer politischen Realität wiederfinden würden, die in ihrer Absurdität, Brutalität und Rücksichtslosigkeit kaum zu überbieten ist.
Und doch war genau das der Fall.

Wenn Macht zerstört statt schützt
Wir erleben derzeit weltweit, wie Macht nicht zum langfristigen Wohl der Gesellschaft eingesetzt wird.
Sondern zur Absicherung Einzelner, zur Ausbeutung und zur Bedrohung.
Diese Macht ist laut, aggressiv, oft skrupellos. Sie denkt kurzfristig, ignoriert Folgen und verachtet Verwundbarkeit.
Plötzlich wirkt Gertraud Klemms Begriff des Phallozäns erschreckend präzise:
Eine Epoche, geprägt von Dominanz, Konkurrenz, Kontrolle und dem Glauben, dass Stärke vor allem eines bedeutet: sich durchzusetzen, koste es, was es wolle.
Wann wäre ein besserer Zeitpunkt gewesen, um über den Abschied von genau dieser Zeit zu sprechen?
Was ist das Phallozän?
Viele stolpern beim ersten Lesen über den Titel. Phallozän – was soll das sein? So ging es auch mir.
Gertraud Klemm beschreibt damit ein aus dem Ruder geratenes Patriarchat.
Ein Machtsystem, das es zwar „erst“ seit etwa 5.000 Jahren gibt. Das sich aber in jüngster Zeit radikalisiert hat und das in atemberaubender Geschwindigkeit tut.
Wir lesen Nachrichten, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wären.
Wir beobachten politische Entwicklungen, die auf Kontrolle, Ausschluss und Gewalt setzen.
Das Phallozän ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Systems, das sich selbst überlebt hat und dennoch mit aller Kraft versucht, sich zu erhalten.
Die drei Säulen des Patriarchats
In ihrem Buch greift Gertraud Klemm die Analyse von Heide Göttner-Abendroth auf und benennt die drei tragenden Säulen des Patriarchats:
- Androzentrismus – die Herrschaft des Mannes über die Frau
- Anthropozentrismus – die Herrschaft des Menschen (Mannes) über die Natur
- Politischer und geistiger Imperialismus – die Herrschaft eines Volkes über andere Völker
Vieles davon entdecken wir auch in uns selbst:
Misogynie, Klassismus, Rassismus und auch die Selbstverständlichkeit, mit der wir der Erde mehr entnehmen, als wir zurückgeben.
Doch die entscheidende Erkenntnis lautet:
Das war nicht immer so.
Vor dem Patriarchat: Ein Blick auf andere Gesellschaftsformen
Das Patriarchat ist gemacht – also kann es auch wieder verlernt werden.
Vor seiner Entstehung lebten Menschen in matriarchalen Gesellschaftsformen.
Und nein: Das sind keine Gesellschaften, in denen Männer unterdrückt werden. Diese Behauptung dient meist nur dazu, einen Perspektivwechsel abzuwehren.
Noch heute existieren rund 20 matriarchal, matrilinear, matrilokal oder matrifokal organisierte Gesellschaften auf fast allen Kontinenten.
Ihre zentralen Unterschiede zu unserem System:
Sozial:
Es gibt keine isolierte Kleinfamilie. Menschen leben in Clans.
Töchter wie Söhne bleiben lebenslang Teil ihres Clans.
Biologische Vaterschaft ist nebensächlich. Der Clan der Mutter trägt Verantwortung für die Kinder. Brüder, Onkel und Gemeinschaft sorgen gemeinsam.
Politisch:
Entscheidungen werden konsensual getroffen.
Nicht im Sinne von vollständiger Zustimmung, sondern von getragener Übereinstimmung.
Ein Konzept, das unserer Gesellschaft fremd erscheint und gerade deshalb so herausfordernd ist.
Kulturell:
Es herrscht ein egalitäres Wertesystem.
Spiritualität kommt ohne personifizierte Gottheiten aus.
Rituale orientieren sich an natürlichen Zyklen.
Oft gilt das Prinzip: Was wir der Erde nehmen, geben wir ihr zurück.
Ökonomisch:
Es wird in Kreisläufen gedacht.
Überfluss wird nicht gehortet, sondern geteilt – in Form von Geschenken, Festen, Gemeinschaft.
Ein kaputtes System – und keine einfache Rückkehr
So schön vieles daran klingt:
Wir können und wollen nicht einfach „zurück“.
Die entscheidende Frage lautet:
Wie machen wir dieses kaputte System wieder lebenswert und nachhaltig?
Aktuell beobachten wir deutlich, dass es zerfällt:
- Sinkende Geburtenraten in Ländern, in denen Frauen Kontrolle über ihre Körper haben
- Zunehmende Armut und Einsamkeit
- Mehr zerstörerische Gewalt
Ein Bild, das mich in diesem Zusammenhang besonders erschüttert hat:
Vor kurzem las ich von einer App in China mit dem Namen „Are you dead?“
Zielgruppe: alleinlebende Menschen in Megacities.
Wer sich nicht täglich per App meldet, löst automatisch einen Notruf aus.
Was sagt das über unsere Gesellschaft?
Feminismus – notwendig, aber zersplittert
Wir brauchen Feminismus dringender denn je. Und doch steckt auch er in einer Krise.
Eine Umfrage von 2023 zeigt:
80 % der Frauen bezeichnen sich nicht als Feministinnen.
Wird erklärt, was Feminismus eigentlich meint, stimmen 70 % den Inhalten zu
Gleichzeitig zerfallen feministische Bewegungen in Strömungen, die sich gegenseitig schwächen, statt gemeinsam zu wirken.
„Smash Patriarchy“ klingt gut.
Aber: Was machen wir mit den Scherben?
Wie setzen wir sie neu zusammen?
Was Gertraud Klemm vorschlägt
Gertraud Klemm liefert keinen naiven Gegenentwurf.
Sie lädt ein, ernsthaft nach Alternativen zu suchen, insbesondere in zwei Bereichen:
Spiritualität muss wieder Raum bekommen.
Nicht als Dogma, sondern als Verbindung, Sinn, Verantwortung.
Alternativen zur Kleinfamilie sind zentral.
Gemeinschaftliche Lebensformen, neue Wohnformen, geteilte Verantwortung, neue Beziehungsmodelle.
Hoffnung zwischen Zahlen, Macht und Verantwortung
Der Abend mit Gertraud Klemm war geprägt von intensivem, hoffnungsvollem Austausch.
Besonders spannend war das Gespräch über den UBS Billionaire Ambitions Report 2025.
Dort zeigt sich:
Das Vermögen von Frauen wächst schneller als das von Männern
Zum vierten Mal in Folge übertreffen Frauen Männer beim Vermögenszuwachs.
Beispiele wie Melinda Gates oder MacKenzie Scott zeigen, wie anders Macht und Geld eingesetzt werden können: philanthropisch, verantwortungsvoll, gesellschaftlich.
Gleichzeitig haben wir über Incels, rechte Männerbünde und die gewaltvolle Rückeroberung alter Machtansprüche gesprochen.
Auch das gehört zur Realität des Phallozäns.
Für mich ein Abend zur richtigen Zeit
Für mich kam diese Veranstaltung zur rechten Zeit.
Gerade jetzt brauche ich Hoffnung, um weiterhin optimistisch in die Zukunft zu blicken.
Abschied vom Phallozän ist kein bequemes Buch. Es ist eine Streitschrift und es steht vieles darin, worüber wir uns austauschen und auch streiten sollten.
Ich empfehle es von Herzen allen, die nicht den Kopf in den Sand stecken wollen, sondern Lust haben, optimistisch zu bleiben und bereit sind, ihren Alltag im Patriarchat bewusst anders zu gestalten.
Möchtest du auch Teil von EqualPages sein, an Lesungen und Diskussionen teilnehmen und dich mit spannenden Autor:innen austauschen?
Dann schau hier vorbei – alle Termine findest du auf meiner Seite.